Der Name Fritz Schwarz dürfte wohl nur wenigen Zeitgenossen bekannt sein, denn der engagierte Politiker, Freiwirtschafter und Schriftsteller lebte von 1887–1958. Dazu dass sein Name nicht ganz in Vergessenheit gerät haben seine Tochter Ruth Binde und der Synergia Verlag mit der Neuauflage einiger seiner Werke gesorgt. Als eines der letzten Werke seines Schaffens wurde nun das Buch «Segen und Fluch des Geldes in der Geschichte der Völker» neu aufgelegt und mit einem sehr lesenswerten Vorwort von Ueli Mäder und Simon Mugier angereichert. Link zum in der WOZ abgedruckten Vorwort: http://www.woz.ch/artikel/2010/nr01/wirtschaft/18799.html
Das sehr schön gestaltete Buch führt die Leserschaft aus einer monetären Perspektive von der altjüdischen Geschichte über die Hochkulturen Vorderasiens und Ägyptens bis zu den europäischen Zwischenkriegsjahren. Dies ist dank dem Fritz Schwarzes engagierten und leicht verständlichen Schreibstil über weite Strecken eine flüssige, hochinteressante und auch einigermassen nachvollziehbare Angelegenheit. Aus dem Ansatz heraus in dem das Buch seinerzeit geschrieben wurde sind leider auch auch einige Längen unvermeidlich. Man bedenke es sind seither 85 Jahre vergangen und trotzdem findet man darin sehr viel erhellendes und hochaktuelles. Es muss aber gesagt sein, dass das Buch nicht gerade einen einfachen Einstieg in die Materie liefert. Entweder bringt die geneigte Leserschaft eine gehörige Portion Geduld mit, oder sie kann auf einige Vorkenntnisse auf historischem oder finanztechnischem Gebiet zurückgreifen. Das Buch ist von Fritz Schwarz ausdrücklich als Grundlagenwerk geschrieben worden und er hat es in seinem Vorwort von 1931 so deklariert. Er verfolgte damit die Absicht diesen sehr vernachlässigten Teil der Geschichte und somit die Entstehung des modernen Finanzwesens auf ein wissenschaftliches Geleise zu leiten. Dass dies zu seinen Lebzeiten nicht gelungen ist, ist weder dem Autor noch seinem Werk anzulasten, sondern einem Zeitgeist der seinem Gedankengut ca. 80 Jahre hinterher hinkte. Deshalb ist es ein wichtiges Buch für die heutige Zeit und es ist zu hoffen, dass die Wissenschaft den Ball diesmal auch weiterspielen wird und das Gedankengut in einer aktualisierten und eingänglichen Art und Weise für neue Publikation sorgt.
Selbstverständlich kann man dem Buch auch einige Mängel ankreiden. Zum einen handelt es sich aus heutiger Sichtweise um eine frühe Form von Thesenjournalismus den Fritz Schwarz hier betrieben hat. Dass dem so ist, deklariert er im Vorwort gleich selbst und dies sollte einem beim Lesen auch bewusst sein. Wir sind uns heute eher gewohnt die Geschichte aus einer multiperspektivescheren Sicht zu sehen als es Fritz Schwarz 1925 getan hat. Seine daher etwas einseitig wahrnehmbare Verknüpfungen vom Aufstieg und Niedergang der Völker und Kulturen mit dem Geldsystem wirken daher zuweilen etwas eindimensional. Schade ist auch, dass der Autor erst ein paar Jahre nach 1925 die positiven Aspekte des hochmittelalterlichen Brakteatesystems (siehe sein Beitrag) erkannte und diese Erkenntnis im vorliegenden Werk deshalb nicht zu finden ist. Doch dies könnte ev. für heutige wissenschaftliche Autoren und Autorinnen ein weiterer Anreiz sein, diese Geschichte aus einer Perspektive des 21ten Jahrhunderts nochmals aufzuarbeiten. Trotz allem ist das Buch allen zu empfehlen, die sich kritisch mit dem Thema Geld auseinandersetzen wollen und es ist zu hoffen, dass der engagierte Autor auch 50 Jahre nach seinem Tod, noch Menschen dazu bewegen kann ihre Energie in dieses wichtige Thema zu stecken. Die Aktualität des Buches und die soziale Brisanz, die mit der Finanzkrise aktuell geworden ist, beschreiben Mäder und Mugier im Vorwort sehr treffend:
“Der Stil dieses Buches über die Geschichte des Geldes ist geprägt von einer Mischung aus überzeugtem Engagement und pädagogischem Wohlwollen. Das macht es neben seinem informativen Gehalt spannend zu lesen. Und dass die provokativen und umstrittenen Ideen von Schwarz nicht nur naive Utopien sind, sondern durchaus Realitätsbezug aufweisen, zeigt sich nicht nur daran, dass die Schweiz schon vor längerem Gesetze gegen die Bodenspekulation einführte. International werden ebenfalls einzelne Ideen der Freiwirtschaft neu debattiert und teilweise sogar angewendet. So haben Regierungen teilweise erkannt, dass der Geldfluss in der Wirtschaft nicht versiegen darf. Auch der prominente Globalisierungskritiker Joseph Stiglitz warnt vor der Verknappung des Geldes. Denn Wirtschaftskrisen treffen die sozial Benachteiligten am härtesten. Diese haben keine Geldreserven, von denen sie zehren können. Während einzelne Reiche etwas vom vielen Geld verlieren und narzisstisch gekränkt sind, sind für die Armen schon geringfügige Einbussen existenzielle Bedrohungen. Die aktuelle Situation zeigt deutlich, wie weit wir von einer Gesellschaft entfernt sind, in welcher soziale Ungleichheiten strukturell verhindert werden. Das war das Anliegen von Fritz Schwarz. Dafür setzte er sich ein. Sein Engagement für eine bessere Welt beeindruckt, unabhängig davon, wie stimmig und hilfreich seine Lehren der Freiwirtschaft waren und sind.”
(Segen und Fluch des Geldes in der Geschichte der Völker, Band I, Überarbeite Neuauflage 2010, Synergia Verlag, Darmstadt, ISBN: 978-3-940392-03-9)
Nach einigen Jahren an Vorarbeiten ist Anfang Monat das Buch zum Denknetz Projekt einer Allgemeinen Erwerbsversicherung AEV erschienen. Die Autoren und Autorinnen haben sich, was vom Gewerkschaft nahem Denknetz nicht selbstverständlich ist, bemüht einen Ansatz zu entwickeln der realisierbar scheint und nicht nur Unterstützung von linker Seite verdient. Es stellt sich dabei eher die Frage ob die CH Sozialpolitik politisch überhaupt noch reformierbar ist?
Die AEV hat zum Ziel Sozialhilfe, IV und ALV Arbeitslosenversicherung unter ein Dach zu bringen und um Familienergänzungsleistungen zu ergänzen.
„Die Idee von Schutz, Wiederaneignung und Erweiterung der Sphäre der Gemeingüter ist ein Kompass für den Weg in eine sichere Zukunft.“ (Silke Helfrich)
“Gemeingüter sind Räume, in denen wir frei sind.” (Yochai Benkler, Harvard University)
Wasser und Wissen, die Bausteine des Erbgutes und die Weite des Weltalls – auf den ersten Blick scheint sie nichts zu verbinden. Und doch bilden sie die Gemeingüter/Commons, die alle Menschen miteinander teilen – und die der Gesellschaft immer mehr verloren gehen. Die Welt gehört nicht mehr allen; unsere Commons werden privatisiert, eingezäunt und kommerzialisiert und sind dadurch unbezahlbar geworden.
Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, herausgegeben von Silke Helfrich mit der Heinrich-Böll-Stiftung und soeben im oekom verlag erschienen, wirft einen neuen, themenübergreifenden Blick auf den Zustand unserer Gemeinschaftsgüter (siehe http://www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Wem+gehoert+die+Welt+,34,a12372.html).
Ein Thema dessen Dringlichkeit nicht zu unterschätzen ist. Dem Ausverkauf der öffentlichen Güter und dem Gerede der Marktfähigkeit von natürlichen Monopolen muss ein Riegel geschoben werden. Doch leider verhindert an allen Ecken das Denken der Besitzstandwahrung eine vernünftige politische Diskussion. Und sobald die Finanzkrise auch auf die öffentlichen Institutionen durchschlägt, sind die Kommunen gerne wieder bereit ihre finanziellen Engpässe mit der Veräusserung der bald letzten Quadratmeter gemeindeeigenen Boden zu lösen.
„Wenn die Krise zuschlägt, dann sind es die Armen und Entrechteten, deren Leben ins Wanken gebracht wird. Sie brauchen am längsten, um sich von der Krise zu erholen. Manchmal gelingt es ihnen niemals, zu ihren vormaligen Leben zurückzukehren.” Sakiko Fukuda-Parr, Professor für Internationale Angelegenheiten an der New School in New York.
So beginnt der Hintergrundbericht von Mohammed Dockrat und S. Wilms in der islamischen Zeitung.
Sind die Finanzmärkte am Beben, kommt sogar das CH-Leibblatt der Banker zum Philosophieren über das Geld. In der heutigen Ausgabe der NZZ finder man, im Kulturteil notabene, eine Art Rezension über das Buch “Philosophie des Geldes” von Georg Simmel. Die Rezension kommt etwas spät, denn das Buch wurde schon im Jahre 1900 veröffentlicht!
“… Simmel führt die Macht, die das «fliessende» Geld über das Leben gewonnen hat, allerdings letztlich doch wiederum auf ein Nichts zurück, das dem Papst, mittelbar, recht geben könnte: auf den «Mangel an Definitivem im Zentrum der Seele». Das liesse sich ins Religiöse zurückübersetzen: Gott wohnt nicht mehr im Herzen der Menschen. Es ist dies nach Simmel ein Mangel, der dazu treibe, in immer neuen «Anregungen, Sensationen, äusseren Aktivitäten eine momentane Befriedigung zu suchen»; ein Mangel, der uns «in die wirre Halt- und Rastlosigkeit» verstricke, die sich «bald als Tumult der Grossstadt, bald als Reisemanie, bald als wilde Jagd der Konkurrenz, bald als die spezifisch moderne Treulosigkeit auf den Gebieten des Geschmacks, der Stile, der Gesinnungen, der Beziehungen» offenbare …” (Uwe Justus Wenzel in der NZZ vom 27.10.08).
Was die NZZ nicht erwähnt ist, dass Simmel einer der ersten war der sich ’philosophisch’ mit der Doppelrolle des Geldes als Tauschmittel und Kapital auseinandersetzte (vgl. Flotow von, 1994). Eine ebenfalls zentrale Aussage in seinem Werk „Philosophie des Geldes” ist die Definition von Tausch und Geld als eine „substanzgewordene Sozialstruktur” (Rammstedt, 1994, S.30). Geld ist somit ein allgegenwärtiger Identitätsfaktor einer modernen Gesellschaft und wirkt nach Simmel auch als Hauptantrieb für Wandel und Beschleunigung der Zeit.
Muhammad Yunus
„Die Finanzkrise trifft die Armen besonders hart”
Muhammad Yunus hat ein Microcredit System in den USA gestartet. Yunus schätzt dass in den USA 20 Mio. Menschen kein Bankkonto bekommen weil sie nicht kreditwürdig sind.
Heute sendete DRS2 im “Kontext” ein hörenswertes Interview mit dem Sozialphilosophen Johannes Heinrichs:
“In der Weltwirtschaft herrscht Marktwirtschaft pur. Als der Kapitalismus den Wettlauf der Systeme gewann, folgte eine weltweite Globalisierung von Geldwirtschaft, Gütermärkten und Produktionsstandorten. Nun scheint diese Weltwirtschaft am Abgrund zu stehen. Ist es das Ende des Kapitalismus?
Der Bankenkollaps betrifft längst nicht nur die USA, die Rezession schwappt nach Europa herüber. Welchen Ausweg gibt es aus dem Teufelskreis, in dem die Wirtschaft steckt? Fragen von Hansjörg Schultz an den Sozialphilosophen Johannes Heinrichs” (DRS2 http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/kontext/5004.sh10052435.html).
Der leider nur einigermassen bekannte deutsche Philosoph und ehemalige Jesuit Johannes Heinrichs hat im Jahr 2005 ein bemerkenswertes Buch über eine neue sozialethische Wirtschaftstheorie geschrieben. Er verbindet dabei elegant die Theorien von Silvio Gesell mit den von Karl Marx und anderen. Aus sozialwissenschaftlicher Sichtweise besonders interessant ist, wie er die Systemtheorie, die ja bekanntlich nicht gerade als humanistisch bezeichnet werden kann, mit fundierter spiritueller Philosophie und Systemkritik verbindet.
Ich kann nur sagen, wow, chappeau oder wie auch immer!
P.S: Das Buch ist trotz der komplexen Materie noch einigermassen lesbar.
Heinrichs, Johannes. (2005). Sprung aus dem Teufelskreis. Sozialethische Wirtschaftstheorie, Band I. München: Steno Verlag.
Auch sehr interessant, aber schon sehr nahrhafte Bettlektüre:
Heinrichs, Johannes. (2005). Logik des Sozialen. (Eine erweiterte Neuauflage von “Reflexion als soziales System”, 1976) München: Steno Verlag.