Hat Soziale Arbeit eine Zukunft?
Erstellt von bluecast am Dienstag 10. Juni 2008
Man könnte auch Fragen: Kann Soziale Arbeit ohne Kapitalismus weiter existieren? Dieser demontiert sich momentan gerade selber und neben der andauernden Bankenkrise sind die Krisenherde so zahlreich geworden, dass auch bald die mediale Betroffenheitsmaschinerie nicht mehr nachkommt. Z.B. sind die Kriege in Afghanistan und im Irak so normal geworden, dass sie es nur noch selten in die News schaffen. Der Nahost Friedensprozess ist zu einer Worthülse verkommen und die Katastrophe in Burma lässt neben den internationalen Helfern auch die Medien in Ratlosigkeit zurück. Darüber hinaus steht die Welt vor einer “Revolution der Hungrigen” (TA, 08. April 2008) und dem Worldfoodprogram (WFP) der UNO und anderen Hilfsorganisationen gehen die Mittel für die dringend benötigte Nahrungsmittelhilfe aus. In den USA werden den Wohlfahrtsorganisationen die verbilligte Lebensmittel abgeben die Mittel gekürzt und in Deutschland stellt man eine „Renaissance der Suppenküchen” (3sat, 2008) fest.
Auch in der noch reichen Schweiz sollten wir uns deshalb einmal die Frage nach der weiteren Entwicklung dieser Krisen stellen (wie z.B. im letzten Club im Schweizer Fernsehen, 6.5.08). Es stellt sich die Frage: wie weit greift schon die Anomie um sich oder wie weit ist die Desintegration schon fortgeschritten. Oder ist wieder einmal alles halb so schlimm? Kann mit dem Begriff der Anomie überhaupt die multidimensionale globale Entwicklung adäquat beschrieben werden? Denn es ist mehr als die soziale Ordnung die sich in der Auflösung befindet. Für die zukünftigen sozialen Folgen des Klimawandels und der Wasserknappheit greift der Begriff wohl zu kurz. Betrifft dieses Problem die Soziale Arbeit? Für den Betrieb von Suppenküchen braucht es keine ausgebildeten Sozialarbeitenden. Und geht man von der These aus, dass das was in den USA und in Deutschland stattfindet über kurz oder lang auch die Schweiz erreichen wird, so könnte man sich eventuell vorstellen, dass die Frage ob die Soziale Arbeit eine Zukunft hat, vielleicht gar nicht so abwegig ist. Beschäftigt sich die SA mindestens theoretisch mit globalen Zukunftsszenarien oder kann sie der steigenden Verunsicherung grosser Bevölkerungsteile etwas entgegensetzen?
Die Systemtheorie eignet sich zwar formidabel um die gegenwärtige Kräfteverteilung wertfrei zu analysieren, hat aber keine greifbare Vorstellung von der Vergangenheit und noch weniger von der Zukunft (vgl. Staub-Bernasconi, 2005, S.278). Der kritischen Theorie kommen länger je mehr die klaren Feindbilder abhanden und mit dem möglichen Abdanken des Kapitalismus[1] verliert sie womöglich auch noch den letzten Bezugspunkt (40 Jahre nach 68 sind ja schon der real existierende Sozialismus und die Psychoanalyse weitgehend auf der Strecke geblieben). Es bleibt die Sozialraumorientierung als jüngste Metatheorie der Sozialen Arbeit. Sie steckt zwar noch in den Kinderschuhen (vgl. Kessel & Reutlinger, 2007, S.9), hat aber ein gewisses Potential der zunehmenden Verunsicherung soziale ‚Orientierung’ entgegenzustellen. Denn Orientierung ist meiner Meinung nach ein Schlüsselwort der SA, wenn sie eine längerfristige Zukunft haben will. Denn ein Merkmal der Anomie ist Orientierungslosigkeit (vgl. Martens, 1996).
Literatur/Quellen
- 3sat. (2006). Auf dem Weg in den “Suppenküchen-Staat“? im OnLine Magazin unter http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/delta/96580/index.html.
- Kessl, Fabian, Reutlinger, Christian. (2007). Sozialraum: eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
- Martens, Helge. (1996). Anomie und Fundamentalismus. In Vortrag vor der Humboldt-Gesellschaft. unter http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=anomie#D.
- Staub-Bernasconi, Silvia. (2005). Fragen, mögliche Antworten und Entscheidungen im Hinblick auf die Konzeption oder Konstruktion von (system)theoretischen Ansätzen. in Systemtheorien im Vergleich: was leisten Systemtheorien für die Soziale Arbeit?. Hollstein-Brinkmann, Heino, Staub-Bernasconi, Silvia (Hrsg.) (S.269-299). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
[1] Abdanken des Kapitalismus Von einem Abdanken des Kapitalismus zu sprechen ist wohl noch etwas zu früh. Trotzdem zweifeln immer mehr auch renommierte Ökonomen wie Amartya Sen, Jeffrey Sachs oder Joseph E. Stiglitz, dass der ungezügelte Kapitalismus noch lange durchhalten wird.